Die Lebenskarte ist ein bürgernahes Serviceportal für ökonomische Orientierung und Eigenständigkeit, das mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) entlang von Bedarfen der Bevölkerung evidenzbasiert entwickelt wurde. Sie wurde im Juni 2026 im Rahmen der ersten Bund-Länder-Aktionswoche zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Bundesfamilienministerin Prien der Öffentlichkeit vorgestellt.
Die Lebenskarte unterstützt Frauen wie Männer dabei, in den entscheidenden Lebensstationen ihren Weg zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit zu finden – sei es bei der Berufswahl, der Eheschließung, der Familiengründung, bei einer Trennung oder der Altersvorsorge.
Hinter der Lebenskarte steht heute ein breites Bündnis bestehend aus Institutionen und Organisationen der Politik, Verwaltung und Forschung. Die aktuelle, erweiterte Version der Lebenskarte ist das direkte Ergebnis eines gemeinsamen Prozesses und ressortübergreifender Zusammenarbeit.
Wirtschaftliche Eigenständigkeit als Kernziel moderner Gleichstellungs- und Familienpolitik
Die partnerschaftliche Aufteilung von Aufgaben in der Familie, wie Kinderbetreuung oder Pflege, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Frauen und Männer ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit sichern. Dafür braucht es Rahmenbedingungen, die eine vollzeitnahe Erwerbstätigkeit für beide Elternteile oder pflegende Angehörige erleichtern.
Das Grundgesetz verpflichtet Gesetzgeber und Exekutive, die ökonomische Gleichstellung aktiv zu fördern. Entsprechend ist die Unterstützung von Frauen und Männern auf dem Weg zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit ein Kernziel der Bundesregierung (Jahreswirtschaftsbericht 2024 - 2026; 7. Armuts- und Reichtumsbericht). Auch die Kommission für den Zehnten Familienbericht empfiehlt diese Förderung als ein zentrales Ziel einer zukunftsorientierten Familienpolitik.
Die Lebenskarte bündelt genau hierfür verlässliche Informationen und Online-Rechner staatlicher Institutionen. Sie gibt Menschen das nötige Wissen an die Hand, um fundierte Entscheidungen für ihr Einkommen, die finanzielle Absicherung und ihre Altersvorsorge zu treffen – und ermutigt sie, die eigene wirtschaftliche Eigenständigkeit aktiv zu gestalten und zu sichern.
Im Folgenden kannst du nachlesen, auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Lebenskarte basiert und wie sie entstanden ist.
Die wissenschaftliche Basis: Das Forschungsprojekt des CeRRI des Fraunhofer IAO
Die Idee der „Lebenskarte“ wurde 2024 im Rahmen des partizipativen Forschungsprojekts „Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens“ entwickelt. Durchgeführt wurde das Projekt vom Center for Responsible Research and Innovation (CERRI) des Fraunhofer IAO, gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).
Das Projekt ging einer zentralen Frage nach: Welchen Blick haben Menschen in Deutschland auf ihre eigene wirtschaftliche Eigenständigkeit – und welche Empfehlungen lassen sich daraus für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ableiten?
Als wissenschaftlicher Ausgangspunkt diente die Definition von Becker et al. am Lehrstuhl von Prof. Beblo (Universität Hamburg), nach der eine Person umso nachhaltiger wirtschaftlich eigenständig ist, je besser sie ihren Lebensunterhalt dauerhaft ohne private oder staatliche Transferleistungen sichern kann – auch wenn sich Lebensumstände wie Familienstand, Haushaltszusammensetzung oder Erwerbsfähigkeit ändern.
Erkenntnisse aus den „Lebenszeit-Laboren“: „Hätte ich das gewusst“
Um die theoretische Definition mit der Lebensrealität der Menschen abzugleichen, führte das CERRI von 2023 bis 2024 fünf sogenannte „Lebenszeit-Labore“ durch. Knapp 100 Teilnehmende mit völlig unterschiedlichen Biografien diskutierten darin, was wirtschaftliche Eigenständigkeit für sie ganz persönlich bedeutet und vor welchen Hürden sie im Alltag stehen.
Im Ergebnis schrieben die Teilnehmenden der wirtschaftlichen Eigenständigkeit eine sehr hohe Bedeutung zu. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das Erreichen dieser Eigenständigkeit für viele mit großen Herausforderungen verbunden ist. Neben den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zeigte sich die größte Hürde oft auf der individuellen und partnerschaftlichen Ebene. Viele Teilnehmende schilderten rückblickend, dass es ihnen bei wichtigen Weichenstellungen im Leben an Bewusstsein und konkretem Wissen fehlte („hätte ich das gewusst“).
Egal ob bei der Ausbildungs- und Berufswahl, dem Eingehen einer Ehe, der Aufteilung von familiären Aufgaben (Care-Arbeit) oder der Altersvorsorge: Die langfristigen Auswirkungen dieser Entscheidungen auf die eigene wirtschaftliche Eigenständigkeit – sogenannte Pfadabhängigkeiten – werden oft erst dann spürbar, wenn sich die finanziellen Folgen konkret bemerkbar machen. Ein klassisches Beispiel ist die reduzierte Rente als Folge langjähriger Teilzeitarbeit. Dies betrifft Frauen wie Männer gleichermaßen.
Als besonders wirkmächtige Lebensphase für die eigene wirtschaftliche Eigenständigkeit wurde die Familiengründung beschrieben. Die Mehrheit der Teilnehmenden in heterosexuellen Beziehungen gab an, vor der Geburt des ersten Kindes nicht explizit über die zukünftige Aufgabenteilung gesprochen zu haben.
Die Folge: Es schlich sich oft ganz „automatisch“ ein traditionelles Rollenmodell ein, bei dem die Frau den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit und der Mann den Großteil der Erwerbsarbeit übernimmt. Vor allem getrenntlebende Teilnehmende (mehrheitlich Frauen, aber durchaus auch Männer) berichteten, dass sie erst durch die Trennung bemerkt haben, welche Konsequenzen diese ungleiche Aufteilung für ihre eigene wirtschaftliche Eigenständigkeit hatte.
Die Lebenskarte: Serviceportal für ökonomische Orientierung
Als praktisches Ergebnis dieses Projekts wurde im engen Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern und Expertinnen und Experten die erste Version der Lebenskarte entwickelt. Alle weiteren Ergebnisse des Projekts, sowie interessante Studienergebnisse finden sich auf der Website "Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens".
Weiterentwicklung 2026: Erweiterung um den Lohn-O-Mat
Im Jahr 2026 folgte der nächste große Schritt: Um gezielt junge Erwachsene anzusprechen und ökonomisches Orientierungswissen noch bürgernäher zu vermitteln, wurde die Plattform umfangreich weiterentwickelt und verstetigt.
Dabei wurde ein dringender Bedarf aus der Praxis aufgegriffen: Ein Tool, das die Auswirkungen von Erwerbs- und Lebensentscheidungen direkt im Paarkontext auf die jeweilige wirtschaftliche Eigenständigkeit berechnen kann. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer FIT wurde daher der bestehende Wiedereinstiegsrechner zum innovativen „Lohn-O-Mat“ ausgebaut.
Derzeit wird die Website unter Mitarbeit der Arbeitsstelle „Wirtschaftliche Eigenständigkeit“ (Ramboll Management Consulting) betrieben.
Weiterführende Informationen: Alle detaillierten Projektergebnisse und interessanten Studienergebnisse findest du auf der Website „Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens“. Weitere Informationen zur Stärkung der Erwerbstätigkeit von Frauen finden Sie zudem auf den Seiten des BMBFSFJ.